Blicke, Fassaden

"Wände sind Dinge meiner Umgebung. Sie bedingen mich, ohne dass ich mir darüber Rechenschaft ablegen könnte. Denn sie stehen stumm um mich herum, von meiner Gewohnheit an sie geknebelt. Gelingt es mir aber, durch meine Gewohnheit hindurch bis zu ihnen vorzustoßen, um sie zu sich selbst zu befreien, dann sprechen sie eine sehr beredte Sprache."                                                              
Vilém Flusser: „Wände"



Schwankungen in Stimmung und Atmosphäre von Innen- und Außenräumen sind der rote Faden, der sich seit Jahren beständig durch Myriam Reschs Werk zieht. Während ihre frühen Installationen Licht und architektonische Versatzstücke als Materialien verwendeten, um dreidimensionale Räume zu schaffen, mit denen der Betrachter in direkte Beziehung trat, beschäftigen sich ihre Bilder der letzten Jahre hauptsächlich mit der malerischen Repräsentation von urbanen Räumen in Form von Wänden und Fassaden. Indem uns ihre Darstellungen von sorgsam gewählten Gebäudeausschnitten in eine Konfrontation mit Fragmenten unserer unmittelbaren Umgebung zwingen, beleben sie unseren durch Gewohnheit allzu oft zum Schweigen gebrachten Dialog mit den Gegenständen unserer Alltagswelt.


Die Isolation, in der die Bilder dieser Fassadenausschnitte auf der Wand des Ausstellungsraumes erscheinen, entspricht der Isolation des Details vom Ganzen im Blick des durch die Großstadt spazierenden Betrachters, der - oft halb bewusst und nur für den Bruchteil einer Sekunde - eine einzige Perspektive, einen einzigen visuellen Moment aus der überwältigende Fülle visueller Reize wahrnimmt und, meist nur für kurze Zeit, in seine Erinnerung einbettet.
Myriam Reschs Arbeiten vollziehen diesen einzelnen, konzentrierten Blick malerisch nach. Sie halten uns (wortwörtlich) dazu an, auf diesem Blick zu verharren und bekunden so ein Interesse an der Konstruktivität unserer Realität. Minimalistisch angelegt, beschränken sich Myriam Reschs Werke auf das Geringste: ein Fenster, die Reflexion eines Baumes, ein Schatten, glatte Oberflächen, die uns durch extrem sorgfältige Darstellung und subtile farbliche Abstufungen das Material eines repräsentierten Gegenstandes erahnen lassen.


Myriam Reschs Bilder sind Nahaufnahmen zeitgenössischer Architektur, Studien der postmodernen Großstadt. Aber indem jede dieser Arbeiten nur einen kleinen Ausschnitt eines Gebäudes preisgibt, sind sie auch Studien visueller Wahrnehmung selbst. Die Aufspaltung des urbanen Raumes in Stadtteile, Straßen und einzelne Gebäude wird hier auf eine Weise weiter zerlegt, die uns vor Augen führt, dass unsere erlebte Realität aus noch kleineren Fragmenten zusammengesetzt ist: visuellen Bausteinen, die wir als Einzelmenschen, durch individuelle Assoziationen in subjektiver Weise aus dem zusammensetzen, was Myriam Reschs teils monumentalen Leinwände als bereits ausgewählte und malerisch abgewandelte „Blicke“ vorgeben.
Durch ihre Detailhaftigkeit laden sie uns zum genauen Studium des geradzu eklatant Sichtbaren ein und thematisieren so Sehen als wesentliche Strategie der Realitätskonstruktion.


Auf der einen Seite verweigern Myriam Reschs Fassaden den Einblick in das, was dahinter liegt (Jalousien, 2001, Parkhaus , 2001). Indem die Menschen und Dinge, die sich hinter diesen Oberflächen verbergen, unsichtbar bleiben, erhalten wir keinerlei Aufschluss über die Funktion der dargestellten Gebäude und die Spektakel des Alltags, die sich permanent und simultan darin abspielen.
Auf der anderen Seite stärkt diese Verschlossenheit gerade das Bewußtsein unseres Standpunkts als Betrachter. Während sich die Fassaden jeder Art von Voyeurismus (seinerseits ein wichtiges Thema der zeitgenössischen Kunst) entziehen, lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf die Flüchtigkeit von Licht, Schatten und Reflexionen, die in all ihrer Kurzlebigkeit das visuelle Material liefern, aus dem sich unsere Erfahrung der Welt und der Plätze, die diese Projektionen tragen, zusammensetzt. Wahrnehmung wird so als fundamentales Konzept des Alltags auf eine Weise wiederbelebt, die uns die Dialektik zwischen Ansehen und Übersehen klar vor Augen führt.


In Myriam Reschs Bildern wird dank übersteigerter Farben und malerischer Überlegungen, die die Wahl eines Ausschnitts oder einer bestimmten Perspektive bedingen, das sichtbar (und unübersehbar), was im reizüberfluteten Großstadtalltag oft unterzugehen droht.
Mit der photographischen Genauigkeit einer Momentaufnahme fixiert Myriam Reschs Malerei einen einzigen Augenblick, aus einem einzigen Blickwinkel. Die Konturen von Schatten, Blättern und Bauelementen sind scharf umrissen, geometrische Struktur und architektonische Klarheit werden betont. Auch wenn die exakte Darstellung und Ausschnitthaftigkeit dieser Bilder auf ihre Affinität zur Photographie hindeuten, haben wir es hier nicht mit Photorealismus zu tun, sondern mit einer Malerei, die, über ihre Form als ein repräsentales Medium hinaus, auch ein inhaltliches Statement ist.


Ebenso wie Fassaden die funktionale Bedeutung eines Bauwerks zugleich unterstreichen (zum Beispiel durch Balkone an einem Wohnhaus) und verbergen können, kann Malerei durch Farbgebung, Grade der Abstraktion und geometrische Ordnungsmuster die Funktionalität ihres Gegenstandes entweder hervorheben oder entfremden. Durch ein malerisches Vorgehen, das die Zweidimensionalität des gemalten Bildes zugleich betont und durch erstaunliche perspektivische Effekte unterläuft, gelingt es Myriam Resch, Oberflächen in ihrer multidimensionalen Komplexität darzustellen. Die Künstlerin nähert sich ihren Motiven schrittweise durch Filzstiftzeichnungen und Acrylskizzen, so dass die zunehmend abstrahierten und idealisierten Oberflächen, wie sie auf ihren großangelegten Gemälden in Erscheinung treten, zugleich die Summe vieler Blicke sind, eine Essenz dessen, was Fassaden, als Träger individueller und kollektiver Erinnerung, repräsentieren können.  


Wie Gesichter, die, einmal im Portrait festgehalten, weder altern, noch ihren Ausdruck verändern, sind auch die Fassaden ihrer Arbeiten Moment- und Bestandsaufnahmen von Gegenständen, die permanent über ihre Fassadenhaftigkeit hinausweisen und so zu Wort kommen.


Petra Wüst


 
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